01 Aug 2017

SPD-Landtagsfraktion Ruth Müller und Dr. Simone Strohmayr, mit der Bundestagsabgeordneten Rita Hagl-Kehl beim Frauennotruf Deggendorf e.V.

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Treffen SPDGewalt hat viele Gesichter – Was aber wenn Professionalität und Empathie nicht mehr ausreichen?

Im Zuge ihrer politischen Frauenreise durch Niederbayern statteten die Frauenpolitikerinnen der SPD-Landtagsfraktion Ruth Müller und Dr. Simone Strohmayr gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Rita Hagl-Kehl dem Frauennotruf Deggendorf e.V. einen Besuch ab, um sich über die aktuelle Situation vor Ort ein Bild zu machen. Empfangen wurden sie dabei von der Vorstandsvorsitzenden Karina Nopper und den beiden hauptamtlichen Kräften Alexandra Winkler (Dipl. Sozialpädagogin (FH), Traumafachberaterin DeGPT) und Bianca Kellnberger (Einzel-, Paar- und Familientherapeutin).

Als Grund für den Besuch nannte Ruth Müller in ihrer Funktion als frauenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion die stiefmütterliche Behandlung der Frauennotrufe gegenüber den Frauenhäusern, welche bei der eh schon geringen Erhöhung der Bezuschussung seitens der Landesregierung leer ausgingen. „Angesichts der steigenden Zahlen häuslicher Gewalt ist es unverständlich, dass die Staatsregierung immer noch nicht willens sei, etwas gegen die Missstände zu unternehmen“, so Strohmayr. Die eigens vom Sozialministerium in Auftrag gegebene „Studie zur Bedarfsermittlung zum Hilfesystem für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder in Bayern“ bestätigte die Tatsache, dass eine dramatische Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Bedarf und dem bestehenden Angebot vorherrsche, änderte aber an der bestehenden Situation nichts. Daher ist es den beiden Frauenpolitikerinnen ein besonderes Anliegen die Finanzierung von Fachberatungsstellen gegen Gewalt an Frauen endlich auf stabile Füße zu stellen.

Bei dem seit 25 Jahren bestehenden Verein Frauennotruf Deggendorf e.V. handelt es sich um eine Fachberatungsstelle, die jährlich über hundert betroffenen Frauen eine zeitnahe, qualifizierte und unbürokratische Unterstützung anbietet. Die Hilfsangebote, welche kostenfrei und auf Wunsch auch anonym in Anspruch genommen werden können, reichen dabei von Krisenintervention und längerfristiger begleitender Beratung hin zur Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten. Während sich das Angebot der meisten Fachberatungsstellen in der Vergangenheit ausschließlich auf sexualisierte Gewalt bezogen hat, umfasst es in Deggendorf sowohl häusliche als auch sexualisierte Gewalt. „Es ist unzumutbar für eine Frau, die sich in einer akuten Krisensituation befindet, sich erst einmal durch den Bürokratiedschungel zu kämpfen, um heraus zu finden, welche Stelle überhaupt für ihre Sorgen und Ängste zuständig ist,“ kritisiert Alexandra Winkler. „Außerdem ist es absurd, eine Trennung der Gewaltarten vorzunehmen, da ein sexueller Übergriff innerhalb der Familie zugleich ja auch häusliche Gewalt darstellt. Die meisten Formen sexueller Gewalt finden nämlich innerhalb der Familie statt, eher selten geht diese von Fremdtätern aus“, so die Sozialpädagogin weiter. „Für unsere Arbeit wäre es eine wesentliche Erleichterung, wenn das System der Informationsstellen bundesweit ein einheitliches wäre und betroffenen Frauen so schneller geholfen werden könnte“, bat Bianca Kellnberger die örtliche Bundestagsabgeordnete Rita Hagl-Kehl, sich des Problems in der nächsten Legislaturperiode anzunehmen.

 

Neben der Beratung stehen ferner die Prävention- und Öffentlichkeitsarbeit im Zentrum des Frauennotrufs. Die Präventionsangebote setzen vor allem im Kinder und Jugendalter an und bestehen aus präventiven Workshops für diese Zielgruppe, Projektarbeiten an Schulen und Elternabende an Schulen und Kindergärten zusammen. Im Vordergrund stehen hierbei die Stärkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung und Eigenständigkeit der Kinder und Jugendlichen und die Vermittlung einer präventiven Erziehungshaltung der Eltern, um Gewalt vorzubeugen. „Das wichtigste Programm stellt dabei „Mein Körper und ich“ dar. Es mangelt einfach an sexueller Aufklärung, da der Aufklärungsunterricht im deutschen Schulsystem als ein „Kann“ und nicht als ein „Muss“ verstanden wird. Viele Kinder sind daher noch nicht einmal in der Lage ihre Körperteile richtig zu benennen“, meint Winkler. „Ebenso ist es uns wichtig, dass die Öffentlichkeit für das Thema Gewalt gegen Frauen und Kindern sensibilisiert wird. Das geschieht im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit, die dazu beitragen soll, dass häusliche und sexualisierte Gewalt endlich keine Tabuthemen mehr in unserer Gesellschaft sind. Durch Aufklärung und Prävention versuchen wir Frauenhausaufenthalte vorzubeugen und können so zu deren Entlastung beitragen“, fügt die Vorstandsvorsitzende Nopper hinzu.

 

Trotz dieser Bemühungen haben Studien ergeben, dass sich nur ein Bruchteil, der gewaltbetroffenen Frauen an eine Beratungsstelle wenden. Umso wichtiger ist es, dass der Frauennotruf Deggendorf e.V. seit August 2015 nicht mehr nur noch Träger der Fachberatungsstelle gegen Gewalt an Frauen und Kindern ist, sondern auch Träger der Interventionsstelle. Der Frauennotruf kooperiert hierbei mit den Polizeiinspektionen Deggendorf und Plattling und erhält durch diese – nach vorheriger Zustimmung des Opfers – Informationen über die bestehende Situation. Innerhalb von drei Tagen kommt es zur Kontaktaufnahme und die Betroffene kann durch das Angebot der Interventionsstelle umfassend unterstützt werden. „Da sich die Frauen, die uns von den Polizeiinspektionen vermittelt werden, ausnahmslos in aktuellen Krisensituationen befinden, ist es wichtig schnell zu reagieren. Wir entwickeln individuelle Schutzmöglichkeiten und leisten den Frauen, die polizeiliche und gerichtliche Schritte einleiten wollen Hilfestelle“, erklärt Karina Nopper.

 

Während des Gesprächs erfuhren die frauenpolitischen Sprecherinnen der SPD-Landtagsfraktion ferner noch über die neuen Herausforderungen, denen sich der Verein stellen muss. Neben der häuslichen und sexualisierten Gewalt kommen seit geraumer Zeit auch weitere Formen der Gewalt hinzu, die weitaus weniger greifbar sind: Cyber-Kriminalität, Stalking und Mobbing. Die drei Frauen beklagten, dass hierzu zwar schon einiges getan worden sei und man Polizei, Richter und Beratungsstellen dafür sensibilisiere. Spezifisch dafür ausgebildete Beratungsstellen gäbe es für die „unsichtbare Gefahr“ jedoch noch nicht, sodass dies ein zusätzliches Aufgabengebiet darstelle, für das man auch Personal benötige.

 

Die beiden Landtagsabgeordneten Ruth Müller und Dr. Simone Strohmayr versprachen zum Abschluss ihres Gespräches, sich weiterhin für die Belange des Frauennotrufs einzusetzen. Sie wollen sich nach der Sommerpause des bayerischen Landtags verstärkt um eine Vereinheitlichung der Beratungsstellen bemühen und ihren Kampf um finanzielle Mittel fortzusetzen, damit die unhaltbaren Zustände für Frauen und Kinder in Not endlich der Vergangenheit angehören.

 

 

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Über den Autor


Wir über uns:   Der Frauennotruf Deggendorf e.V. ist ein gemeinnütziger Verein und besteht seit 1992. Wir sind eine Beratungsstelle für Frauen und Kinder, die Opfer von Gewalt wurden.